Praktikant, Volontär, Redakteur

Patrik Müller ist in seinem Traumberuf angekommen

Es begann mit einem Praktikum. Ich war Schüler, gerade 17 geworden. Meine Referenz waren gute Deutschnoten und zwei Artikel in der Schülerzeitung, die in der Redaktion keinen interessierten.  

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Patrik Müller bei der Arbeit – auf diesem Bild auf der Endinger Fasnet  | Foto: Hans-Peter Ziesmer
Patrik Müller bei der Arbeit – auf diesem Bild auf der Endinger Fasnet Foto: Hans-Peter Ziesmer
Die Redakteure bei der Emmendinger BZ guckten mich lange an und gaben mir einen kurzen Auftrag: In Tutschfelden soll die Kirche renoviert werden. Fahr hin und schreib drüber. Drei Stunden später stand ich ohne Termin vor dem Pfarrhaus und fragte die evangelische Pfarrerin, ob der Herr Pfarrer gerade zu sprechen ist. Ich habe viel gelernt seit 1999.

Ich bin keine 17 mehr, ich bin 34 und habe mein halbes Leben bei der BZ verbracht. Erst als freier Mitarbeiter, der pro Zeile bezahlt wird und sich das Studium mit der Schreiberei finanziert. Dann als Volontär, der während der Ausbildung alle paar Monate die Redaktion wechselt und seine besten Artikel für die Bewerbungsmappe ausschneidet. Schließlich als Redakteur in Emmendingen. Ich bin hängengeblieben, einer meiner Kollegen erzählt heute noch gerne von dem vorlauten 17-jährigen Praktikanten. Es ist viel passiert seit 1999.

Die Branche ist im Umbruch. Meine Freunde lesen viel, aber nicht viele nehmen noch eine gedruckte Zeitung in die Hand. Auch ich lese die meisten Texte inzwischen auf dem iPad und dem Handy. Ab und zu denke ich über die Zukunft nach: Werde ich in zehn, zwanzig Jahren noch Redakteur sein? Bei einer Tageszeitung? Wird es dann überhaupt noch Tageszeitungen geben, die Morgen für Morgen gedruckt und in Briefkästen gesteckt werden? Werde ich dann nur noch Texte für das Internet schreiben, werde ich überhaupt noch schreiben?

Ich versuche, nicht zu viel über das Thema nachzudenken. Ich bin in meinem Traumberuf gelandet. Der hat sich seit meinem ersten Praktikum im Jahr 1999 schon massiv verändert (Internet!) und wird sich auch in den nächsten Jahren noch massiv verändern (Internet!). Das kann man schlimm finden, man kann es aber auch gut finden. Ich bin mir sicher: Auch in Zukunft wird es Journalisten geben. Menschen, die anderen Menschen Dinge beschreiben, die Informationen einschätzen und bewerten.

Einige Dinge haben sich nicht verändert: Schon vor 25 Jahren habe ich gerne Geschichten erzählt. Damals, als ich Tiergeschichten geschrieben habe, habe ich sie erfunden. Mit den Jahren habe ich dann gelernt: Die besten Geschichten sind die, die wahr sind. Ich habe einen Polizisten interviewt, der im Kosovo Kriegsverbrecher gejagt hat. Ich habe den Mann getroffen, der vor knapp vier Jahrzehnten als Bahn-Erpresser "Monsieur X" verurteilt wurde. Ich habe eine Kaiserstühler Blaskapelle auf Konzertreise durch Japan begleitet und war der erste Journalist, der den BND-Horchposten in Niederhausen betreten durfte. Ich habe über Neujahrsbabys und Hundertjährige geschrieben, über Rockkonzerte und Radrennen, über unzählige Gemeinderatssitzungen und Gerichtsverhandlungen. Nimm eine Kamera mit, hieß es schnell. Also habe ich Fotografieren gelernt – und Spaß daran gefunden.

Ach ja: Kleintierzüchter, zu denen man uns Lokaljournalisten eine fast schon amouröse Beziehung nachsagt, habe ich auch jede Menge interviewt. Einer stand in seiner Scheune zwischen unzähligen Käfigen und erzählte mir, dass sein Hobby ihm hilft, im Feierabend abzuschalten. Er arbeitete im Gefängnis.

Der Job bei der Zeitung hat mir Türen geöffnet. Ich habe Orte besucht, die ich sonst nie besucht hätte und Menschen getroffen, die ich sonst nie getroffen hätte. Ich habe auch gelernt, dass man dafür nicht immer weit fahren muss – und dass man unbekannte Welten auch vor der eigenen Haustür finden kann.

Im August 2002 saß ich zwischen den Wildecker Herzbuben. Der Auftrag: Ich sollte eine Backstage-Reportage über eine volkstümliche Schlagernacht schreiben. Auf dem Tisch lag mein Block, der Kleinere sprach mich an: Sie schreiben aber nicht, was wir essen. Was auf den Tellern war, hat nicht in meine Geschichte gepasst, es ging mir vor allem um den Umgang der Musiker mit ihren Fans – die Leser haben nie erfahren, was die Herzbuben auf dem Teller hatten. Ein Fehler? Eine gute Tat? Beides? Das überlege ich heute noch.

Klare Antworten gibt es in meinem Job selten. Ich mag das – Journalismus ist keine Arbeit nach Schema F.


Schlagworte: Schema F., Patrik Müller
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