Verteidigung
Südwest-Kommandeur der Bundeswehr: "Krieg geht alle an"
Der Chef des Landeskommandos, Michael Giss, will die Gesellschaft kriegstüchtig machen – nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Köpfen. Er beklagt eine anhaltende Vollkasko-Mentalität in der Bevölkerung.
dpa
Do, 27. Mär 2025, 17:00 Uhr
Südwest
Wir benötigen Ihre Zustimmung um BotTalk anzuzeigen
Unter Umständen sammelt BotTalk personenbezogene Daten für eigene Zwecke und verarbeitet diese in einem Land mit nach EU-Standards nicht ausreichenden Datenschutzniveau.
Durch Klick auf "Akzeptieren" geben Sie Ihre Einwilligung für die Datenübermittlung, die Sie jederzeit über Cookie-Einstellungen widerrufen können.
AkzeptierenMehr Informationen

Die Gesellschaft muss sich aus Sicht des neuen Chefs des Landeskommandos Baden-Württemberg mental auf den Kriegsfall einstellen. Trotz zahlreicher Krisen und Kriege würden sich immer noch viele Menschen gar nicht mit dem Thema beschäftigen, sagte der Kapitän zur See, Michael Giss. "Es gibt noch wahnsinnig viele Bevölkerungsteile, die völlig in der Friedensdividende verhaftet geblieben sind", kritisiert er. "Ich sage immer: Krieg geht alle an."
Der 60-Jährige führt das Landeskommando der Bundeswehr seit rund einem halben Jahr. Das Kommando mit Sitz in Stuttgart ist die oberste territoriale Kommandobehörde der Bundeswehr in Baden-Württemberg. Es repräsentiert die Bundeswehr gegenüber der Landesregierung in der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Giss ist gebürtiger Freiburger und war zuvor Chef des Landeskommandos in Hamburg.
Viele Menschen würden nichts anderes kennen als eine "friedliche, von Freunden umzingelte Welt", ohne Grenzen, so Giss. "Ich werfe es den Leuten nicht vor. Sie kennen nichts anderes. Aber jetzt ist die Zeit, wo wir ein bisschen über den Tellerrand hinausschauen müssen." Es gebe wahnsinnig viel Erklärungsbedarf. Bei den Bürgerinnen und Bürgern müsse Betroffenheit erzeugt werden.
Kritik an Vollkasko-Denke
Giss zitierte Umfragen, wonach auch im vierten Kriegsjahr der Ukraine nur ein Drittel der Menschen in Deutschland bereit wäre, ihr Land zu verteidigen. "Die anderen zwei Drittel müssen von ihrer Vollkasko-Denke wegkommen und sagen: ,Wo kann ich mich engagieren? Was würde ich denn tun, wenn es so weit kommt?'", so Giss. "Die Welt um uns herum ist, wie sie ist, und man hat die Pflicht, sich damit zu beschäftigen."
Die Deutschen hätten aufgrund der Geschichte ein spezielles Verhältnis zu Militär und Krieg. "Umso mehr muss man jetzt den Leuten klarmachen, dass es gute Gründe gibt, ein Gewehr in die Hand zu nehmen, wenn es sein muss – um unseren Rechtsstaat, unser liberales Leben zu verteidigen", so der Kommandeur. Auch in Russland herrsche Frieden, aber in diesem Frieden wolle man schließlich nicht leben. "Wenn Putin bestimmt, was wir hier tun, dann gibt es auch keinen Christopher-Street-Day mehr – denn den mag er überhaupt nicht."
Krieg im Unterricht?
Auch den Schulen kommt laut Giss eine zentrale Rolle zu. "Wofür kämpft man eigentlich? Lohnt es sich, für etwas ein Gewehr in die Hand zu nehmen? Da ist die Schule das Spiel-Feld, wo man solche Fragen bei den jungen Menschen platzieren kann, wo man diese Debatten führen kann", sagte er.
Es bräuchte noch viel mehr Jugendoffiziere, um in den Schulen solche Diskussionen zu führen. "Wenn in den Schulen nicht rüberkommt, dass man einen liberalen Rechtsstaat zur Not auch verteidigt, weil es sich lohnt und weil es gut ist, so zu leben, wie wir es tun – wo soll es denn sonst gelingen?" Aus dem Gespräch mit jungen Leuten nehme er mit, dass viel an Hintergrundwissen fehle, etwa, was die Nato oder Mandate der Bundeswehr angehe.
In dem Zusammenhang sprach sich Giss auch für eine erneute Einsetzung der Wehrpflicht aus. "Wir können noch so viel Milliarden-Pakete bekommen, wenn wir das Personal für diese Gerätschaft nicht haben, die wir dann kaufen könnten, dann ist das zu kurz gesprungen." Die Bundeswehr habe seit Jahrzehnten 25.000 Fehlstellen. Bei der Wiedereinführung der Wehrpflicht gehe es auch nicht um die Frage nach "Kanonenfutter für die Front", so Giss. Es gehe um wirksame Abschreckung, darum, genug verteidigungsbereite Reservisten und Soldaten zu haben, um den Gegner zu beeindrucken. "Wir wollen nicht in den Krieg. Wir wollen abschrecken."
Hintergrund: Dänemark führt Wehrpflicht für Frauen ein