Soziales Netzwerk
Facebook will menschlicher werden – und ändert seinen Newsfeed
Mehr Beiträge von Freunden und Familie, weniger Posts von Firmen, Medien oder Parteien. Die Folge könnte sein, dass Nutzer weniger Zeit bei Facebook verbringen werden. Warum macht Facebook das?
Andrej Sokolow
Sa, 13. Jan 2018, 16:47 Uhr
Wirtschaft
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Es ist ein bemerkenswerter Satz. Er lässt im Umkehrschluss zu, dass Facebook nicht gut für die Welt sein könnte, zumindest wenn man jetzt nicht handelt. Und dann wagt sich Zuckerberg auch gleich noch an den Newsfeed – das Herzstück des Online-Netzwerks. Dort findet das Facebook-Leben der mehr als zwei Milliarden Mitglieder statt, dort werden Anzeige für Anzeige Facebooks Milliardengewinne geschöpft. Mit den Änderungen werden es Beiträge von Unternehmen, Medien und anderen Facebook-Seiten wie auch von Parteien, schwerer als bisher haben, in den Nachrichtenstrom der Nutzer zu kommen. Vereinfacht gesagt, man bekommt eher das nächste Katzenvideo zu sehen, wenn es die Tante geteilt hat oder im Facebook-Bekanntenkreis darüber diskutiert wird. Sonst wird es im Newsfeed hinter Urlaubsfotos und Unterhaltungen unter Freunden geschoben – außer, man legt in den Einstellungen fest, dass man Inhalte dieser Facebook-Seite unbedingt ganz oben sehen will.
Das Frappierende ist: Die Änderungen werden dazu führen, dass die Nutzer weniger Zeit bei Facebook verbringen, räumt Zuckerberg selbst ein. Bisher schien es umgekehrt darum zu gehen, dass die Leute länger bei dem Online-Netzwerk bleiben und sich von Beitrag zu Beitrag hangeln.
Facebook buhlte bislang um Marken, Medien, Kreative, um die sogenannten Influencer und rief sie auf, ihre Inhalte zu Facebook zu bringen. Jetzt werden viele von ihnen, die sich zu sehr auf Facebook als Verbreitungsplattform verlassen haben, im Regen stehen. Von Facebook können sie Mitgefühl, aber keinen Regenschirm erwarten. "Es stimmt, dass die Verbreitung dieser Inhalte zurückgehen wird, und dies bedeutende Auswirkungen für das Ökosystem haben wird", sagt Facebook-Manager John Hegeman schlicht auf die Frage, ob sich das Online-Netzwerk auf eine Welle der Kritik einstellt und es Maßnahmen geben könnte, die den Schlag abmildern.
Weniger bei Facebook verbrachte Zeit bedeutet zugleich weniger Gelegenheit, auf Werbeanzeigen zu klicken – also potenziell auch weniger Geld für Facebook. Außer natürlich, die Facebook-Seiten versuchen allesamt, sich über die Anzeigenplätze doch noch in den Newsfeed reinzuquetschen und treiben dadurch die Preise hoch. Die Zahl der Werbeplätze werde aber nicht erhöht, stellt Facebook klar.
Es muss also schon akuten Handlungsbedarf geben, wenn man statt der üblichen vorsichtigen Tests mit dem Bulldozer zwischen den tragenden Säulen des Geschäfts aufräumt. Zuckerberg argumentiert mit den Wünschen der Nutzer – und Studien, die zeigten, dass der passive Konsum von Inhalten nicht gut für das Wohlbefinden sei. Und Facebook fühle sich verantwortlich für das Wohlbefinden seiner zwei Milliarden Mitglieder.
Der Analyst Brian Wieser von der Firma Pivotal Research verwies diese Woche auf Zahlen des Marktforschers Nielsen, wonach die Facebook-Nutzung zwei Monate in Folge auf Vorjahresniveau stagnierte. "Facebook spürt bereits Rückgänge bei der Nutzung und reagiert mit diesen Änderungen", sagte Wieser dem Finanzdienst Bloomberg. Facebook selbst muss die Alarmsignale viel früher mitbekommen haben.
Wagt also Mark Zuckerberg einen radikalen Umbau und opfert einen Teil der kurzfristigen Gewinne, um die Zukunft seines Lebenswerks zu sichern? Sagt ihm sein Produkt-Gespür, dass sich in diesen turbulenten Zeiten die Menschen eher nach einem heimeligen Rückzugsort sehnen, statt auch bei Facebook mit Informationen geflutet zu werden? Oder haben wir es mit einem geläuterten Gründer zu tun, dem die Schattenseiten seiner Erfindung unter die Haut gingen? Die nächsten Schritte des Online-Netzwerks werden das zeigen.
Wenn sich ein Facebook-Nutzer mit seinen Zugangsdaten bei dem sozialen Netzwerk angemeldet hat, erscheint in der Regel der Newsfeed. Angezeigt werden Beiträge von befreundeten Mitgliedern, aber auch aus Unternehmen, Medien oder politischen Quellen, denen der Nutzer folgt. In welcher Reihenfolge Inhalte dabei zu sehen sind, bestimmt ein Algorithmus. Dieser analysiert Profilangaben, Verhalten und Aktivität der Nutzers. Danach werden jene Beiträge ausgewählt, von denen Facebook glaubt, dass ein Nutzer am wahrscheinlichsten mit ihnen interagiert. Die genaue Funktionsweise wird geheim gehalten. Bekannt ist, dass häufiger Beiträge von Freunden vorkommen, deren Inhalte man in der Vergangenheit bereits kommentiert, geteilt oder mit "Gefällt mir" markiert hat. Prominent platziert sind Themen, die heiß diskutiert werden und viele Likes erhalten. Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung eines Posts gilt als relevant. Der Nutzer hat über die Einstellungen zum Teil Einfluss auf Auswahl und Reihenfolge der Inhalte.